Das Arbeitsexemplar des Johann von Neumarkt?

Johann(es) von Neumarkt (auch: Joannes de Novoforo, Johannes Noviforensis, Jan ze Stredy), um 1315-1380.
Das Leben des Heiligen Hieronymus nach den unechten Briefen des Eusebius, Augustinus und Cyrillus. Aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen durch Johann von Neumarkt.
Deutsche Handschrift auf Pergament.
Böhmen, wohl Prag (oder Olmütz), Umkreis Johann von Neumarkt, letztes Drittel des 14. Jahrhunderts.
63 Blätter, 1-56 in Quaternionen, 57-63 eine Ternione und ein Einschaltblatt als letztes Blatt.
Folio, Blattgröße 32 x 24,3cm. Schriftspiegel ca. 22 x 17cm.
Zweispaltige Handschrift von mehreren Händen in einer von Urkundenschriften beeinflussten gotischen Buchschrift. Zeilenzahl zunehmend von 28-45. Kapitelzählung in Rot, zweizeilige Anfangsinitialen in Rot und Blau, die erste in blau mit rotem Federwerk. Durchgehende Gelbhöhung.
Holzdeckelband um 1500, der Rücken und ca. jeweils ein Drittel der Deckel mit blindgeprägtem Schafleder bezogen. Unter den Stempeln Blattwerk und Schriftband „Maria“ (Einbanddatenbank s019873 und s019874, w002688, Altomünster, Birgittenkloster). Zwei Schließen. Als Einbandmakulatur wurde ein Konzept eines Testaments von 1494 von Hilprannt Koberger, öffentlicher Notar, Kleriker des Bistums Freising verwendet. Koberger ist mehrfach, so in StAM, Schlossarchiv Egglkofen 1492 XII 7 als Notar in Landshut bekannt. In der Notarsunterschrift wird auf „meinen obgenannten Herrn Ulrich Pessnitzer“, Baumeister Herzog Georgs des Reichen von Bayern-Landshut und Verfasser der berühmten Zeughausinventare, verwiesen, am unteren Rand sind Adressaten vermerkt. Der Baumeister des Landshuter Kirchenchors und der Burg Burghausen wie des Krumauer Schlosses lebte bis 1503 in Landshut, dann in Burghausen. Da er ab 1503 im Auftrag der Rosenberger am Umbau von Burg Krumau (Český Krumlov) beteiligt war, könnte über diese Kontakte die Handschrift aus Böhmen nach Bayern gekommen sein. Die Verwendung der Makulatur macht wahrscheinlich, daß entweder Hilprant Koberger oder Ulrich Pessnitzer um 1500 Besitzer der Handschrift war.
Zustand:
Erstes Blatt recto leicht berieben, Blätter 6-11 mit großem Wasserfleck (ohne Beeinträchtigung der Lesbarkeit). Das Pergament von wechselnder, einfacher Qualität (darunter etliche Randstücke), mit zahlreichen Mängeln wie Nahtstellen, Löchern, Verfärbungen, Fehlstellen am Rand und auch einem aus zwei kleineren Stücken zusammengesetzten Doppelblatt. Moderne Bleistiftfoliierung. Der Einband leicht wurmstichig und an den Kapitalen lädiert. Der Rückenbezug berieben, die Prägung schwach. Auf dem Vorderdeckel modern beschriftet „Humanist Johanes von Neumarkt um 1350 Handschrift“
Provenienz:
Wohl Prag (oder Olmütz), Umkreis Johann von Neumarkt, zweite Hälfte 14. Jahrhundert.
Bereits um 1500 befand sich der Kodex in Bayern, wo er auch seinen gegenwärtigen Einband erhielt. Mögliche Besitzer: Hilprant Koberger oder Ulrich Pessnitzer; ausführlich siehe oben.
Prof. Sebastian Killermann, Regensburg.
Reiss & Sohn, Königstein, Auktion 200 (Oktober 2020), Lot 23.
Literatur in Auswahl:
Edition: Klapper, Joseph. Schriften Johanns von Neumarkt. In: Vom Mittelalter zur Reformation. Forschungen zur Geschichte der deutschen Bildung. Herausgegeben von Konrad Burdach. Sechster Band, zweiter Teil. Berlin, Weidmannsche Buchhandlung, 1932.
Klapper, Joseph. Johannes von Neumarkt. In: Erfurter theologische Studien, Band 17. Leipzig 1964, S. 32.
Lexikon des Mittelalters Bd. V, S. 518.
Verfasserlexikon Bd. 3, Sp. 1235.
Handschriftencensus online, https://handschriftencensus.de/werke/883
Einbanddatenbank (EBDB), www.hist-einband.de

Universitätsprofessor Dr. Mark Mersiowsky schreibt zu der vorliegenden Handschrift:
Im Handschriftencensus (https://handschriftencensus.de/4274) sind derzeit einschließlich der vorliegenden bis zur Versteigerung völlig unbekannten Handschrift 57 Textzeugen bekannt, zwei verschollen, 10 nur Auszüge und 2 nur kleine Fragmente. Von den 43 mehr oder minder vollständigen Handschriften sind gerade einmal 4 aus dem 14. Jahrhundert und 3 um 1400, hinzu kommt noch das frühe Fragment aus Teschen. Abgesehen von dem nicht näher datierten Exemplar in Pommersfelden sind alle Handschriften des 15. Jahrhunderts auf Papier. Das jüngst auf einer Auktion aus Privatbesitz eingelieferte Stück ist als Pergamenthandschrift mit früher Datierung bereits außergewöhnlich, gehört es doch unzweifelhaft zu den frühesten Überlieferungen.
Die Schrift ist eindeutig von der als Trecento II bezeichneten Urkundenkursive geprägt, wie die starke Schlingenbildung in den Oberlängen, dünne, spinnenwebenartige Abschwunge in den Unterlängen, die erst nach links gebogen und dann nach rechts geführt werden, das Auftreten der in den siebziger Jahren sich gegen die verkrüppelte Form des g durchsetzende neue Form mit offenem Abschwung nach links unter der Zeile ausweisen. Wie in den Kaiserurkunden Karls IV. wird so gut wie ausschließlich das einfache Minuskel-a benutzt. Eine Datierung in die 1370er Jahre ist wahrscheinlich, in jedem Falle stammt die Handschrift aus dem letzten Drittel des 14. Jahrhunderts.
Die Handschrift besteht aus Pergament relativ schlechter Qualität mit zahlreichen Löchern und Randstücken. Ein Hauptschreiber hat den Grundtext bis zum 46. Kapitel nach einer Vorlage mundiert, wie mehrere Streichungen aufgrund von Augensprüngen ausweisen. Danach haben wechselnde Hände mit geringerem Zeilenabstand und anderem Layout das Werk fortgeführt. In einigen Teilen wechselt die Tinte nach kurzen Blöcken, so als ob der Text blockweise etwa von Wachstafeln kopiert wurde. Dieser Grundtext wurde in einem mehrstufigen Prozess überarbeitet, wobei kurze, kursive Notizen am Textrand vom Grundschreiber und mindestens zwei anderen Schreiber umgesetzt wurden. Dabei veränderten sie einzelne Sätze, mehrere Zeilen, aber auch ganze Textpassagen wurden radiert und überschrieben. Die Randnotizen wurden anschließend durchgehend getilgt. Keine der frühen Hieronymus-Handschriften weist auch nur ansatzweise derartige Be- und Überarbeitungsspuren auf. Im Vergleich zu den bekannten Handschriften des Johannes von Neumarkt, wohl das berühmteste der Liber viaticus (Česká republika, Praha, Knihovna Národního muzea v Praze, XIII A 12; http://www.manuscriptorium.com/apps/index.php?direct=record&pid=AIPDIG-NMP___XIII_A_12___0CMKQR5-cs#search) fällt eine solche Handschrift natürlich optisch stark ab. Trotz dieser intensiven Überarbeitung entspricht der Textbestand völlig der ältesten Version in der Pariser Handschrift um 1400, der Leithandschrift der Edition von Klapper. Sämtliche Korrekturen sind in die weitere Überlieferung komplett eingegangen, an einigen Stellen bietet die vorliegende Handschrift sogar bessere Lesarten. Bei nahezu kompletter Übereinstimmung im Text ist die Lautung und Schreibweise durchgehend abweichend.
Vergleichbare Befunde (durchgehende Verwendung von Pergament schlechter Qualität und Ausschuß, zahlreiche Rasuren, häufige Tintenwechsel, intensive Arbeit am Text) sind extrem selten. Verwiesen sei auf das Autograph der Königssaaler Chronik der Peter von Zittau (https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bav_pal_lat_950). Daß gerade Johann von Neumarkt mit solchen Original-Konzepten gearbeitet hat, konnte Jürgen Petersohn für dessen Summa Cancellarii nachweisen, allerdings ist das Konzept dort nur textkritisch erschließbar und nicht erhalten.
Die paläographische Analyse, die einen Zeitansatz im dritten Drittel des 14. Jahrhunderts nahelegt, der kodikologisch/paläographische Befund eines heftig bearbeiteten und über einen gewissen Zeitraum fortgesetzten Textes, dessen endgültige Fassung aber völlig mit den in den 1380er Jahren einsetzenden kopierten Handschriften übereinstimmt, führt zu der Annahme, daß hier das Arbeitsexemplar Johann von Neumarkts vorliegt.
Johann von Neumarkt ist ein enger Berater Kaiser Karls IV. gewesen, er stand am Beginn des deutschen Frühhumanismus und seine Übersetzung der vermeintlichen Hieronymusbriefe ist ein Schlüsselwerk der deutschen Sprache am Beginn des Frühneuhochdeutschen. Das Auffinden eines solchen Arbeitsexemplares ist eine Sensation. (M0001)
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